Abenteuer
Welches Erlebnis als Abenteuer einzustufen ist, merkt man erst hinterher, wenn Zähneklappern und Herzklopfen nachlassen. Dabei fing alles sooo harmlos an.
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Der Popoapfel und andere Merkwürdigkeiten
Daniel ist mit seiner Mutter auf dem Weg zu Tante Zarah und stinkesauer. Er wohnt in Berlin, die Tante auf dem platten Land irgendwo in der Wüste, und Wüste ist überall da, wo Berlin nicht ist. Die Autobahn ist ähnlich spannend wie seine Computerspiele. Da schiesst er Autos ab, die dann mit einem Knall zur Seite fliegen oder sich mit einem Zischen in ein Sternenfeuerwerk auflösen. Doch sie biegen ab auf die Landstrasse. Hier ist nichts mehr zu sehen ausser Bäumen, Feldern, einem Fluss, einer Schafherde, einem Schwarm Vögel, einem Mähdrescher, Dörfer namens Löffelstelzen, Jammerlingen, Kleinklopps - sonst nichts. In Krummassel halten sie an. Schlammassel wäre treffender.
Tante Zahra :-((
Kaum sind sie aus dem Auto gestiegen, steht Tante Zarah schon in der Tür ihres Fachwerkhauses. Seit er sich erinnern kann, heisst Tante Zarah bei allen die Altachtundsechzigerin. Dicker Zopf, runde Brille, Gesundheitsschuhe und heute eine rosa Latzhose - echt geil, wo hat sie die bloss her? Ein Freudenschrei, als sie ihn erblickt. Danjelll - wie die das schon ausspricht. Die ’llls klingen noch nach, während sie schon den nächsten Satz anfängt. Heute kommt er ohne Kuss davon, wird zum Klettern auf die Obstwiese geschickt und entgeht so Tante Zarahs Vollwertkuchen. Der Weg durch die Felder erinnert ihn an sein erstes Computerspiel, in dem sich einige Bäume bewegen und den Spieler umschlingen. Hinter anderen springen wilde Tiere hervor. Die guten Äpfel sind geniessbar, die schlechten verwandeln sich in Totenköpfe. Irgendwie langweilig. Ihm sind die Technikspiele lieber.
Zwei lehmige Spuren, dazwischen ein ungemähter
Grasstreifen, schlängeln sich den Hügel runter. Wie graue Eierschalen liegen kleine eingetrocknete Erdschollen um eine Pfütze mit modrig riechendem Wasser herum. Ihre Ecken zerbröseln unter seinen Schritten. Ob er genau die Delle auf der rechten Seite trifft? Mit einem Satz ist er über dem Mittelstreifen. Die Grashalme kitzeln an seinen nackten Waden. Unwillkürlich muss er lachen. Geschafft. Ein Satz über den Mittelstreifen nach links. Wieder dieses herrliche Kitzeln und autsch, ein Stein.
Erstarrt bleibt er stehen und spitzt die Ohren.
Von hinten naht ein schweres Keuchen. Ihm stellen sich die Nackenhaare hoch. Ja nicht umdrehen. Vielleicht ist es eine wilde Bestie. Das Keuchen kommt näher und näher. Nur keine Panik! Mit einem Satz springt er in den Graben und duckt sich. Puh, Glück gehabt. Aus seinem sicheren Versteck heraus beobachtet er die nahende Gestalt. Den Blick nach unten gerichtet, total zerfurchtes Gesicht, darüber ein Schweissband, schnauft ächzend eine alte, nein, uralte Frau in modischem Jogginganzug an ihm vorbei. Sie sieht ihn nicht, starrt nur auf den Weg und hinterlässt eine Fahne von Schweissgeruch.
Daniel erblickt
aus seinem Versteck heraus auf der Wiese einen knorrigen Apfelbaum, der dasteht wie ein alter Mann mit ausgebreiteten Armen. Dieser Einladung kann Daniel nicht widerstehen und rennt auf ihn zu. Seine herunterhängenden Zweige kratzen ihn am Kopf. Der erste Ast ist hoch, der Baumstamm rau und rissig. Die scharfen Kanten pieksen beim Klettern in der Handfläche, doch er hält sich an der Borke fest. Ameisen wuseln aufgeregt hin und her.
Eine Ameise krabbelt an seinem Arm hoch. Gerade will er sie abschütteln, da piekst es auch schon am Mittelfinger. Au, so ein kleines Vieh und so ein Schmerz. Mit zusammengekniffenen Zähnen hangelt er sich hoch, setzt sich auf einen Ast.
Vor ihm hängt ein gelber Apfel mit zwei roten Bäckchen. Ein Schlitz teilt ihn genau in der Mitte, darüber ein schwarzes, zerfranstes Loch. Eindeutig ein Popoapfel, denn unter dem Loch hängt ein brauner Haufen - ekelhaft. Doch der Haufen entpuppt sich als eine faule Frucht. Daniel pflückt den Popoapfel und poliert die roten Bäckchen, bis die Schale duftet und speckig glänzt. Der Apfel knackt beim Reinbeissen. Der Saft spritzt. An der abgebissenen Schale einer roten Popobacke sieht er den Rand seiner Zähne. Daniel kaut langsam ein Stück Apfel nach dem anderen und geniesst das fruchtige Aroma.
Mit derlei Abenteuern vergeht die Zeit
Später wird dieser Tag noch häufig in seiner Erinnerung vorkommen. Stolz wird er seinen Freunden die verschiedenen Wundmale zeigen, die mit jedem Erzählen immer grösser werden. Der rote, heisse Fleck wird von seinem Kampf mit den Killerameisen zeugen. Die Schürfwunden an Händen und Knien werden seine Kletterkünste an den Steilwänden eines uralten Mammutbaumes belegen. Gern wird er zurückdenken an die Farben, Düfte, Klänge. Manchmal, ganz unvermittelt, fühlt er Gras an seinen Waden streichen, riecht den Schweiss der Joggerin, schmeckt den Apfel, hört Erdschollen unter seinen Schuhen krachen.
Die Obstwiese wird in seinen Träumen zum Paradies, doch das Paradies ist leider da, wo Berlin nicht ist.
Nachdenkliche, witzige, spannende Geschichten
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