Frau Langstrumpf trainiert
Für ein Gewinnspiel in einer Fernsehserie muss sie sich konzentrieren, doch dafür ist der Geräuschpegel zu hoch. Wenig umweltfreundlich, aber effizient, erreicht sie ihr Ziel.
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„... fünfhundertdreiundsiebzig, achtundfünfzig,
dreitausendzweiundzwanzig“ Frau Langstrumpf muss nicht einmal zur Kontrolle auf das Blatt schauen. Sie weiss genau, dass sie die zehn Ziffern der letzten Reihe fehlerlos hintereinander aufgesagt hat. Zahlen sind ihre Stärke. Schon als Kind hat sie auf Bahnfahrten - immer als Erste im Abteil - die Anzahl der Kühe gewusst, die vor dem Fenster erschienen und wieder verschwanden. Dabei wandte sie einen ganz einfachen Trick an: Sie zählte die Beine und teilte durch vier. Sie brauchte nur Ruhe, um sich konzentrieren zu können. Und so war es mit der Zählerei vorbei, sobald ihre kleine Schwester Heidi auf den Bahnfahrten mitkam und bei jeder Gelegenheit fröhlich krähte.
Wie doch die Zeit vergeht. So wie das
Wasser im Bach draussen vor Heidis Gartenhäuschen, in das sie sich zum Üben zurückgezogen hat. Der Bach ist nach dem letzten Hochwasser stark angeschwollen und treibt alles vor sich her, was an seinen Böschungen und angrenzenden Gärten lose herumliegt. „Wie im richtigen Leben.“ sinniert Frau Langstrumpf. Aber schon reisst sie sich zusammen, denn sie ist nicht zum Träumen hier. Im Nachmittagsprogramm von „Femina heute“ wird die absolute Gedächtniskönigin gesucht. Also trainiert sie, um ihre Merkfähigkeit in eine neue Couchgarnitur zu verwandeln. Das Siegerpreisgeld langt nicht nur für ihre herbstlaubfarbenen Wunschpolster, sondern auch noch für einen vollautomatischen Fernsehsessel mit krampfaderschonenden Fussstützen.
Plötzlich verstummt das Gedröhn. Hastiges Rufen und Rennen, und da regnet es schon - ein satter Wolkenbruch. Frau Langstrumpf stiert deprimiert auf den Bach hinaus, sieht ihre Traumgarnitur vor ihrem geistigen Auge vorbeischwimmen, genau wie die Gartenmöbel und das Fahrrad, die der Fluss mitgerissen hat. Mit dem Fuss stampft sie wütend auf den Boden, dass ihre Fettpolster nur so wabbeln. Die Erschütterung dringt bis ins Hirn, löst sämtliche Verknotungen und bringt ihre Gedanken wieder zum Fliessen! Das Stampfen mit dem andern Fuss beschwingt sowohl ihre Rettungsringe rund um die Hüfte als auch ihre Fantasie. Jauchzend springt sie mit beiden Beinen in die Luft, rennt nach draussen, breitet die Arme aus und dreht sich stampfend, graziös wie ein Sumo-Ringer. Das ist die Lösung! Mit nassen Haaren und Kleidern prescht Frau Langstrumpf nach diesem Regenerationstanz über die Wiese. Sie schnappt sich den Rasenmäher, den Rasenkantenschneider, die Heckenschere. Alles schleift sie zum Ufer. Mit dem feierlichen Ausdruck einer Zauberpriesterin übergibt sie einen Krachmacher nach dem anderen dem reissenden Fluss.
Sie nimmt sich das Telefonbuch vor
und studiert von „Barz, Jürgen“ bis „Benndorf, Gisela“ aufmerksam die Nummern, klappt das Buch wieder zu und schreibt auf einen Zettel: 4 61 27 - 60 07 - 4 81 01 04 – 7 ...weiter kommt sie nicht.
Kkrrrrrrrrrrbrm, ein Rasenmäher startet und dreht seine Runden unter den Kirschbäumen, mal lauter, mal leiser. Stimmt, sie erinnert sich. Heidis Enkel hatten versprochen, die ausgedehnte – leider stark heruntergekommene - Gartenanlage in ihren Ferien zu pflegen. Mähen, Zäune ausbessern und so weiter, denn Heidi musste es auch in diesem Jahr wegen ihrer Arthrose ausfallen lassen. Weil es ansonsten ruhig ist, hört Frau Langstrumpf alle Geräusche wie durch einen Verstärker. Aus ist’s mit der Konzentration. Die Zahlen sind aus ihrem Kopf verschwunden und wollen nicht wiederkommen. In einem ruhigen Moment wagen sich einige Telefonnummern hervor, doch schon tritt der Motor-Rasenkantenschneider in Aktion - iiiiiijummm, dann sägen sie die langen Hecken mit einer Motor-Heckenschere - jduuuui, immer etwas Neues und Lautes. Frau Langstrumpf kann ihre Gedanken nicht sammeln und ist stinksauer. Früher hat Heidi sie mit ihrem Gekrähe um den Sieg als schnellste Kuhzählerin gebracht, heute bringen ihre Enkel sie mit ihrem Geknatter um eine neue Couchgarnitur.
Nach unbeschwerten, arbeitsarmen Ferientagen
entdecken Heidis Enkel die Geräte in dem abgeschwollenen Bach, wo sie an einem Wehr hängen geblieben sind. Staunend bewundern sie die Kraft des Wassers, das so schwere Geräte mitreissen kann.
Als sie die Maschinen gesäubert und endlich wieder flott gemacht hatten, schonte Frau Langstrumpf schon ihre Krampfandern in dem neuen Fernsehsessel.
Nachdenkliche, witzige, spannende Geschichten
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