Frauenpower im Blick zurück

Von der Admirals-Tochter aus Königsberg zur Anti-Atomkraft-Aktivistin in Gorleben und was sonst noch dazwischen liegt.

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Hildegard Wohlfeil,

geboren am 19. August 1938 in Königsberg als zweite Tochter eines Admirals der Deutschen Wehrmacht. Nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs zog die Familie mehrmals um in verschiedene deutsche Küstenstädte, immer in komfortablen Wohnungen, immer mit genügend Personal.

Kindheit

unter dem Hakenkreuz. Hildegard lernte Sprechen und damit das nationalsozialistische Vokabular. Sie hatte früh das Gefühl für die Sonderstellung der Familie. Die Mutter gab den Töchtern zwar das Gefühl von Nestwärme, aber an neue Kinder musste sie sich immer gewöhnen, und so konnten keine echten Freundschaften entstehen. Sie sah ihren Vater immer seltener und verwandelte ihn in Gedanken in einen Märchenprinzen, der die Menschheit rettet. Die Mutter erhob ihn vor den Kindern zu einem grossdeutschen Helden. Zu Kriegsende starb der Vater bei einer Seeschlacht.

Nachkriegszeit

Hildegards Sonderstellung kehrte sich vom Positiven ins Negative. Die Mutter floh mit vier kleinen Töchtern in die britische Besatzungszone. Sie landeten im Hannoverschen Wendland bei einer Tante, deren Mann im Krieg gefallen war. Sie wurden, wie fast alle Überlebenden, die kommenden Jahre zu Selbstversorgern. Hildegard lernte Haus-, Garten-, Feld- und Stallarbeit. Ihr bereitete die körperliche Arbeit Freude.

Ehe

Ein Volkskundler, der im dritten Reich aufgrund seiner arischen Forschungen eine Sonderstellung inne hatte, besuchte die verschiedenen Elitemitglieder vergangener Tage und blieb im Wendland hängen. Seine Frau und seine Tochter waren bei Bombenangriffen ums Leben gekommen. In Hildegard sah er seine Tochter, sie sah in ihm ihren Vater. Im Sommer 1954 heirateten sie. Der Altersunterschied von über vierzig Jahren machte beiden wenig aus. Die Ehe blieb kinderlos, aber glücklich bis ans Ende - sie waren sich selbst genug. Als er Weihnachten 1978 an den Folgen einer Grippe starb, verfiel sie in tiefe Depression. Ihr Lebensinhalt war weggebrochen.

Bürger-Initiative

Ihre Nachbarn nahmen sie mit zu einer Versammlung gegen Atomkraft. Sie engagierte sich fortan in der Bürgerinitiative, las sich in die Materie ein. Sie blieb immer im Hintergrund und trat öffentlich nie in Erscheinung, organisierte Protestveranstaltungen, an denen sie nie teilnahm, wurde Schriftführerin. Bald wurde sie in der Bürgerinitiative wegen ihres Organisationstalentes unentbehrlich und die Bürgerinitiative zu ihrem Lebensinhalt.

Grenzöffnung

Mit der Grenzöffnung zur DDR verliessen viele Einwohner den Landkreis. Die Berliner verkauften ihre Wochenendhäuser, um sich welche an der nahen Ostsee zuzulegen. Hildegard erkundete die Wendensiedlungen, die vorher durch den eisernen Vorhang nicht erreichbar waren. Sie forschte selbst, um das Buch ihres Mannes zu beenden, das er im Jahre 1944 angefangen hatte, aber nie beenden konnte. Die Volkskunde hatte aber jetzt, nach einem halben Jahrhundert, den Nazitouch verloren.

Organisiert Hildegard wieder eine Demonstration?

Rentenalter

Wie fast alle Menschen im Rentenalter packt auch Hildegard eine Betriebsamkeit. Sie kandidiert für das Kreisparlament, sorgt dafür, dass die kleiner werdende Bürgerinitiative nicht einschläft, organisiert ein Treffen von Volkskundlern, gibt die Heimatschrift "Der frohe Wendländer" heraus, trifft sich mit ehemaligen Antiatomkraftgefährtinnen jeden Donnerstag zum Kaffeeklatsch. Kurzum - Hildegard Wohlfeil ist eine in sich ruhende und zufriedene Frau.

Hamburg, 18.8.05

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http://www.artikel-archiv.8ung.info/geschichten/antiatomkraft/frauenpower.php

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